Liebe ein Traum

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Das „L“ von Liebe, wie es auf der Vorderseite abgedruckt ist, erinnert an den pelzigen Schwanz eines Fuchses. Die anderen Buchstaben sind in zurückerhaltender Kapitälchenschrift gehalten. In der linken unteren Ecke, so als ob es eine nachträgliche Idee gewesen wäre, ist das Bild von einem gebogenen Bettgerüst, einem Polster und einer Decke zu sehen. Man kann nur schwer erkennen, ob sich jemand oder etwas unter der Decke versteckt hält; vermutlich aber nicht. Anderen Interpretationen zufolge, zeigt das Bild nicht Polster und Decke, sondern einige Finger mit einem zerknüllten Blatt Papier.

Als vor sechs oder sieben Jahren die Abteilung für Information gleich mit mehreren für damalige Verhältnisse superneuen elektronischen Rechenmaschinen ausgestattet worden war, begriff Irina Viktorowna deren Fähigkeiten so rasch, daß sogar gewiefte Fachleute erstaunt darüber waren … Wie und warum die Maschinen etwas können – das wußte sie nicht und wollte es auch nicht erfahren, das war, so schien ihr, die Angelegenheit der Maschine. Jedoch was sie kann, und was sie nicht kann, das erriet sie immer gleich., schreibt Saligyn auf Seite 11.

Irina, die Heldin des Romans, Ingenieurin und Abteilungsleiterin einer großen Firma, ist verheiratet, Mitte 40 und will sich verlieben. Leserinnen und Leser erwartet eine Dreiecksgeschichte zwischen Irina, ihrem Mann, ebenfalls Ingenieur und einem verheirateten Kollegen aus Irinas Arbeit in der Firma. Mit ihrem Ehemann hat Irina über die Jahre eine Art Protokollsprache entwickelt, um ihren gemeinsamen Haushalt, die Produktionsstätte, zu regeln. In ihrer gesuchten Affäre mit dem anderen Eckpunkt der Dreiecksbeziehung ist das Ausleben vom Gegenteil einer Maschinensprache zu erwarten, Träume und Phantasie.

Das Buch enthält Sätze wie

Bei Shakespeare fällt der Vorhang über Leichen.

oder

Aus irgendeinem Grund, vielleicht, weil Irina Viktorowna über die Zeitungen, den Rundfunk und direkt vom Himmel herunter mit Informationen überschüttet wurde, weil sich um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die ganze Erde und jedes ihrer Sandkörner und Humusteilchen als mit menschlicher Geschichte durchtränkt und gesättigt erwies – schoben sich ihre Vorstellungen vom Leben immerzu zwischen das Leben und sie.

Über Sergej Salygin besteht keine Seite in der deutschsprachigen Wikipedia, aber es gibt über ihn einen Eintrag in der Encyclopedia Britannica. Darin wird nüchtern erzählt, dass Salygin Russe war, aber kein Kommunist und dass er erst vor kurzem verstorben ist. Weiters war er Herausgeber des Literaturmagazins Novy Mir und hat viele ehemals verbotene Texte berühmter Autoren der Sowjetunion veröffentlicht, Brodzky, Solzhenitsyn, Nabokov.

Aus dem Artikel über Salygin in der englischsprachigen Wikipedia, lässt sich entnehmen, dass Liebe ein Traum, nicht zu den notable works des Autors zählt.